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Roboter beißen nicht

: Schunk


Außerhalb der Automatisierungswelt ist ihr Image nicht immer nur das Beste: Vielfach werden Roboter als „Job-Killer“ diffamiert. Zu Unrecht wie Professor Dr.-Ing. Markus Glück, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung (CINO) der Schunk GmbH & Co. KG Spanntechnik und Greifsysteme in Lauffen am Neckar, findet. Denn vor allem bei MRK-Anwendungen gehe es nicht darum, den Menschen zu ersetzen, sondern darum, diesen dahingehend zu unterstützen, dass er sich auf seine wahren Stärken konzentrieren kann. Das Gespräch führte Sandra Winter, x-technik

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Prof. Dr.-Ing. Markus Glück, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung/Chief Innovation Officer (CINO) bei der Schunk GmbH & Co. KG, empfiehlt, dass sich Mensch und Roboter schrittweise aneinander gewöhnen sollten.

Prof. Dr.-Ing. Markus Glück, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung/Chief...

Herr Professor Glück, welche Veränderungen sehen Sie im Zuge einer Industrie 4.0 auf die Arbeitswelt zukommen?

Es werden zunehmend andere bzw. auch zusätzliche Kompetenzen gefragt sein im Vergleich zu früher. Menschen werden in Zukunft seltener für ganz einfache Handlanger- oder Montage-Tätigkeiten eingesetzt werden. Dafür steigt der Bedarf an höher qualifiziertem Personal, auch im Fertigungsbereich. Gesucht sind beispielsweise Mitarbeiter, die mit Robotertechnik umzugehen wissen. Technikaffine Menschen, die Roboter in Betrieb nehmen und/oder im Betrieb betreuen können. Ihre Aufgabe wird es sein, gewisse Umstellungsaufgaben vorzunehmen und kleinere Störungen des gewohnten Produktionsbetriebs eigenverantwortlich zu beheben.

Sind Roboter „Job-Killer“?

Diese Debatte hatten wir schon einmal als es in den 1980er Jahren zu einem vermehrten Robotereinsatz in der Automobilindustrie kam. Aber bereits damals sind dem Menschen vor allem gefährliche, körperlich belastende und monotone Tätigkeiten abgenommen worden, während gleichzeitig zahlreiche neue Arbeitsplätze entstanden. Fakt ist nämlich, dass selbst in Deutschland – dem Land mit der europaweit höchsten Roboterdichte – die Roboterdichte mit 309 Systemen je 10.000 Erwerbstätigen nach wie vor relativ gering ist.

Vernünftig eingesetzt würde ich einen Roboter sogar als sehr guten Teamplayer beschreiben: Ihm fällt leicht, was für Menschen eine enorme Strapaz darstellt, beispielsweise
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Perfektes Teamwork in der Schunk Greifer Montage: Wenn Mensch und Roboter Hand in Hand arbeiten können sich beide auf ihre jeweiligen Stärken konzentrieren.

Perfektes Teamwork in der Schunk Greifer Montage: Wenn Mensch und Roboter Hand...

das Heben und wiederholgenaue Ablegen größerer Lasten oder das millimetergenaue Setzen unzähliger Schweißpunkte im Karosseriebau. Und die wahren Stärken des Menschen liegen ja ohnehin woanders – in seinen kognitiven Fähigkeiten nämlich und dass er in der Lage ist, auch auf unerwartete Ereignisse und Zusammenhänge situationsgerecht zu reagieren. Diese einzigartige Gabe gilt es entsprechend zu nutzen.

In einem früheren Interview sagten Sie: Wir rechnen zu hart in Taktzeiten und im Ersatz von Menschen, man müsse Wirtschaftlichkeit auch anders rechnen?

(Lachend): Ja diesen Satz kenne ich. Wir müssen lernen, anders zu rechnen. Wir rechnen auch beim Thema MRK zu hart in Taktzeiten und ROIs, weil wir dies von der Vollautomatisierung so gewohnt sind. Das ist meines Erachtens oftmals viel zu kurz gegriffen. In eine Kosten-Nutzen-Rechnung müsste beispielsweise genauso einbezogen werden, dass Mensch und Roboter gemeinsam eine höhere Qualität produzieren können oder dass wahrscheinlich sogar die Anzahl der Krankenstände sinkt, wenn besonders physisch oder psychisch belastende Arbeitsschritte wegfallen.

Inwiefern können Roboter die menschliche Psyche entlasten?

Wenn ein Mitarbeiter in einer bestimmten Taktzeit bestimmte Teile von einem Band aufnehmen, zusammenschrauben, kleben und wieder ablegen muss, entsteht Stress sobald das Band schneller läuft. Dieser „Druck“ würde erheblich
sinken, wenn ihm ein Roboter das Auf- und Ablegen des zu bearbeitenden Werkstücks oder das Führen der Klebepistole abnimmt.

Welche „Umgangsformen“ muss ein Mitarbeiter lernen, damit er mit einem Roboter-Kollegen umgehen kann?

Das Wichtigste ist: Er muss lernen, dass er dem Roboter „vertrauen“ kann und sich schrittweise an ihn gewöhnen. Ich vergleiche dies immer mit der Begegnung mit einem fremden Hund beim Spaziergehen: Wenn der Besitzer versichert „Keine Angst, er beißt eh nicht“ – glauben Sie das oder glauben Sie das nicht? Zumindest bei einem größeren Hund wird wahrscheinlich eine gewisse Grund-Skepsis bleiben. Und dann werden Sie wahrscheinlich einerseits den Hundehalter genauer unter die Lupe nehmen und abchecken, ober dieser vertrauenswürdig erscheint und andererseits den Hund selbst: Werde ich mit diesem schlimmstenfalls fertig oder nicht.

Mit einem Roboter verhält es sich ganz ähnlich. Die Situation muss für den Mitarbeiter, der mit ihm arbeiten soll, beherrschbar sein. Er muss ihn anhalten, in Schranken weisen und in irgendeiner Form kontrollieren können. Er muss zumindest bei den ersten Kontakten eine gute Sicht auf ihn haben, denn wer sitzt schon gerne mit dem Rücken zur Tür? Meinen Rücken kehre ich einem Hund oder auch einem Roboter erst dann zu, wenn ich ihm vertraue.

Über den Erfolg oder Misserfolg einer MRK-Anwendung entscheidet also nicht allein die technische Umsetzung, sondern vor allem der Faktor Mensch. Demnach gilt es die oft auch unausgesprochenen Unsicherheiten und Ängste der Mitarbeiter zu respektieren und mit Fingerspitzengefühl darauf einzugehen. Da dem Erstkontakt mit dem Roboter eine besondere Bedeutung zukommt, sollte diese Phase
von möglichst kurzen, langsamen und vorhersehbaren Roboterbewegungen dominiert werden, damit sich Mensch und Maschine aneinander gewöhnen.

Wann weiß man als Arbeitgeber, dass ein Cobot von den Mitarbeitern „als Kollege“ akzeptiert wurde?

Spätestens dann, wenn er einen Namen erhalten hat. Bei Schunk beispielsweise gibt es einen Cobot, der von den meisten Mitarbeitern mittlerweile Karl genannt wird.

Gibt es nachdem das Vertrauen zum kollaborierenden Roboter selbst hergestellt wurde noch einmal eine gewisse Hemmschwelle, wenn es zum direkten Kontakt mit dem Greifer kommt?

Es gibt sicherlich eine Hemmschwelle. Um wieder auf das Hunde-Beispiel von vorhin zurückzukommen: Einen Hund am Rücken zu streicheln ist das eine, aber wer wagt es, diesem seine Finger in den Mund zu legen? Derjenige, der höchstes Vertrauen zu ihm hat und der Hundehalter selbst. Beim Greifer muss der Mitarbeiter durch vorsichtiges Ausprobieren ebenfalls zu der inneren Gewissheit gelangen: Meine anfänglichen Berührungsängste waren unbegründet, meine Finger bleiben unbeschadet bei einem direkten Kontakt.

Die Greifkräfte sind so zu kontrollieren, dass gewisse Schmerzgrenzen keinesfalls überschritten werden und dass der Greifer zuverlässig zwischen Werkstück und menschlichen Fingern unterscheiden kann. Dies erreichen wir mit intelligenter Sensorik.

Wieviel Fingerspitzengefühl kann man einem Greifer „implantieren“?

Man kann ihm fast so viel Gespür verleihen wie dem Menschen. Wir sind schon sehr nah dran. Es gibt entsprechend empfindliche Sensoren in den Fingerkuppen, in den Fingern selbst und zur Steuerung der Finger. Und mit dem vermehrten Einsatz
künstlicher Intelligenz wird künftig noch mehr möglich sein.

Prof. Dr.-Ing. Markus Glück, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung/Chief Innovation Officer (CINO) bei der Schunk GmbH & Co. KG, empfiehlt, dass sich Mensch und Roboter schrittweise aneinander gewöhnen sollten.
Perfektes Teamwork in der Schunk Greifer Montage: Wenn Mensch und Roboter Hand in Hand arbeiten können sich beide auf ihre jeweiligen Stärken konzentrieren.



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