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Die Krise ist noch länger nicht gegessen

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Die Hoffnung auf ein V-Szenario, bei dem auf einen starken Wirtschaftseinbruch eine rasche Erholung folgt, hat sich leider nicht erfüllt. Ganz im Gegenteil: Mehr als die Hälfte der Unternehmen, die an der x-technik Umfrage teilgenommen haben, geht davon aus, dass es wohl länger als bis 2022 dauern werde, bis man keine negativen Nachwehen der Corona-Krise mehr spüre. Aber die schlimmste Talsohle dürfte zumindest in einigen Bereichen bereits durchschritten sein. Denn laut unserer Umfrage zeichne sich für das zweite Halbjahr teilweise ein leichter Aufwind ab. Das mag mitunter damit zu tun haben, dass die meisten geplanten Investitionen „nur“ verschoben und nicht aufgehoben wurden. Von Sandra Winter sowie Christof Lampert und Robert Fraunberger, x-technik

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Mehr als die Hälfte der Unternehmen, die an unserer Umfrage teilgenommen haben, geht davon aus, dass es wohl länger als bis 2022 dauern werde, bis man keine negativen Nachwehen der Corona-Krise mehr spüre. © MH – stock.adobe.com

Mehr als die Hälfte der Unternehmen, die an unserer Umfrage teilgenommen haben,...

Die Corona-Krise verursachte eine Vollbremsung unserer Branche. So drückte es der Obmann des Fachverbands Metalltechnische Industrie, Christian Knill, kürzlich aus: „2020 wird einen dramatischen Einbruch der Produktionsleistung bringen. Der Shutdown der globalen Wirtschaft hat uns besonders getroffen. Viele Betriebe haben zwar weiter produziert, dabei wurden aber vor allem bestehende Aufträge abgearbeitet.“ Demzufolge werde der massive Einbruch bei den Auftragseingängen erst in den nächsten Wochen und Monaten deutlich zu spüren sein. Laut WIFO-Konjunkturtest erwarten 65 % der Unternehmen in den nächsten sechs Monaten eine deutlich schlechtere Geschäftslage. Ähnlich düstere Prognosen förderte auch unsere Umfrage zutage: 71 % aller Unternehmen, die von uns befragt wurden, rechnen in diesem Jahr mit einem Umsatzminus. Trotzdem dürfte es mancherorts kleine Lichtblicke geben. So stimmten beispielsweise die meisten der von uns Befragten der Aussage „Geplante Investitionen wurden meist nur verschoben und nicht aufgehoben“ zu 38 % mit „Ganz sicher“ und zu 25 % mit „Eher schon“ zu. Dass dem nicht so sein würde, meinten lediglich 10 %.

„Sofern keine zweite Welle entsteht, sehen wir entsprechend den Prognosen von Oxford Economics eine leichte Erholung im zweiten Halbjahr 2020. Wobei man sich allerdings bewusst sein muss, dass wir fern der Volumina von 2019 sein werden und das, obwohl es bereits 2019 bei ‚Produktion/Verbrauch International' einen Rückgang von 8 % gab“, versprüht beispielsweise Dr.-Ing. Stefan Hansch, CEO bei Emco, vorsichtig Zuversicht. „Von den Aktivitäten her ist das dritte Quartal bereits lebendiger als das zweite“, bestätigt auch Gerhard Melcher. Allerdings befinde man sich hinsichtlich des Auftragseingangs nach wie vor in der Talsohle. „In unserem Unternehmen werden wir 2022 wieder das Niveau von vor der Krise erreichen,
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Im Vergleich zur allgemeinen Entwicklung in der Maschinenbau-Branche bewältigt Emco die Krise relativ gut. Unsere Struktur als mittelständisches Unternehmen mit einem breiten Produktsortiment, eine solide Eigenkapitalquote und ein klares Eigentümer-Commitment machen das möglich. Dr.-Ing. Stefan Hansch, CEO bei Emco GmbH

Im Vergleich zur allgemeinen Entwicklung in der Maschinenbau-Branche bewältigt...

in unserer Branche zwischen 2023 und 2025“, weist der Leiter Vertrieb, Zerspanung und Marketing bei Boehlerit darauf hin, dass der coronabedingte Konjunktureinbruch wohl noch länger nachwirke. Ganz ähnlich lautet die Prognose von Marc Schuler, Managing Director bei Dixi Polytool: „Wir glauben, dass die Indikatoren und Auftragseingänge ab September langsam wieder nach oben zeigen werden. Kurzfristig werden wir jedoch das Vor-Covid-Niveau bei weitem nicht mehr erreichen.“

Werkzeugmaschinenindustrie besonders hart getroffen

Wie der VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken) Mitte August verlautbarte, sank der Auftragseingang der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie im zweiten Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 46 Prozent. Wobei vor allem die Bestellungen aus dem Ausland empfindlich zurückgingen. Positivere Signale kommen von den beiden Frühindikatoren PMI (Purchase Managers Index) und Ifo-Geschäftsklima. Der weltweite PMI hat im Juli erstmals wieder an der 50-Punkte-Marke gekratzt, die für Wachstum steht. Der Anstieg kam laut VDW in dieser Form überraschend und vollzog sich auf breiter Basis, sowohl in China und den USA als auch in der Eurozone, z. B. in Deutschland, Frankreich und Italien. „Bis dies jedoch in der Werkzeugmaschinenindustrie – einer als Investitionsgüterhersteller spätzyklischen Branche – ankommt, wird es erfahrungsgemäß noch länger dauern. Entsprechend bleiben die Erwartungen der Branche für die kommenden sechs Monate daher gedämpft. Firmen, die in die Medizintechnik, die Elektronik sowie Teile des Maschinenbaus liefern, getrieben durch Digitalisierung und 5G-Ausbau, stehen etwas besser da“, kommentiert
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Aus der Krise gestärkt herausgehen werden Unternehmen, die es schaffen, sich innerhalb kurzer Zeit an veränderte Bedingungen anzupassen und sich weiterzuentwickeln – sei es hinsichtlich neuer Geschäftszweige oder auch neuer Arbeitsweisen. Wolfgang Haumberger, Geschäftsführer der Haumberger Fertigungstechnik GmbH

Aus der Krise gestärkt herausgehen werden Unternehmen, die es schaffen, sich...

Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des VDW, die ihm vorliegenden aktuellen Zahlen.

Ivan Filisetti, Präsident bei GF Machining Solutions zeichnet ein ähnlich differenziertes Bild: „Aufgrund der negativen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie erreichte die Nachfrage in der Werkzeugmaschinenindustrie insbesondere in Europa, aber auch in verschiedenen Marktsegmenten auf dem amerikanischen Kontinent, den niedrigsten Stand des letzten Jahrzehnts. Mehrere Sektoren in China, u. a. die zivile Luftfahrt und die Informations- und Kommunikationstechnologien, haben jedoch bereits wieder das Niveau des Vorjahres erreicht. Auch die Medizintechnikindustrie erwies sich als sehr widerstandsfähig in dieser Krise“, beschreibt er. Gut gerüstet für den Umgang mit so einer Krise zeigte sich auch der japanische Werkzeugmaschinenhersteller Yamazaki Mazak. „Wir profitierten von unserer hohen Fertigungstiefe und von der Tatsache, dass unsere Kollegen in den Fertigungsstätten Erdbeben- und Naturkatastrophen-erprobt sind und mit derart herausfordernden Situationen professionell umzugehen wissen“, erklärt Florian König, Niederlassungsleiter von Mazak Österreich.

Grundsätzlich zähle der Werkzeugmaschinenbau laut Sandro Bottazzo, Geschäftsführer der Fritz Studer AG, zu jenen Branchen, die besonders stark von der aktuellen Situation betroffen sind. Der Vorteil viele Maschinenbauer sei aber, dass sie gelernt haben, mit der Volatilität der Märkte umzugehen. „Ein wirtschaftliches Auf und Ab gehört in unserer Branche ein Stück weit zur Normalität“, schmunzelt er. Derzeit sehe er in einzelnen Märkten eine klare Steigerung der Aktivitäten. „Gerade auch das Customer Care-Geschäft zieht bei uns wieder stark an. Das zeigt, dass die Auslastung vieler Kunden
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Wir rechnen damit, dass wir das Geschäftsjahr 2020/21 auf einem ähnlichen Niveau abschließen können wie in den vergangenen Jahren. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass es im Herbst und/oder Winter keine massive zweite Welle gibt, die diese Prognosen ad absurdum führt. Mag. (FH) Mario Haidlmair, Geschäftsführer der Haidlmair GmbH Werkzeugbau

Wir rechnen damit, dass wir das Geschäftsjahr 2020/21 auf einem ähnlichen...

wieder steigt“, schlussfolgert Bottazzo. Das Schlimmste habe der Maschinenbau bereits hinter sich. Das denkt auch Thomas Fietz, CEO bei Wedco: „Wir als Wedco hatten im Mai den größten Einbruch mit rund 50 % Umsatzverlust im Vergleich zum Vorjahres-Mai. Die Monate Juni und Juli waren überraschend gut mit 20 % hinter demselben Vorjahreszeitraum. Für den September erwarte ich bereits einen leichten Aufschwung, der sich dann hoffentlich durch das letzte Quartal stabil hält.“

Viele Unsicherheiten, die schwer zu managen sind

Worüber sich alle Teilnehmer an unserer Umfrage einig zeigten: Dass die Corona-Krise schwerer zu managen sei als jene in 2008/2009. „Die Finanzkrise ging vor allem von Banken und Finanzdienstleistern aus, einschließlich der Immobilienblase. Die Auswirkungen waren auch damals weltweit und branchenübergreifend spürbar, aber man konnte die Krise besser einschätzen und kalkulieren. Die Corona-Krise ist bis heute mit zahlreichen Unsicherheiten behaftet, was es umso schwieriger macht, in Planungen und Investitionen zu gehen“, bringt Markus Horn, Geschäftsführer der Paul Horn GmbH die aktuell vorherrschende Problematik auf den Punkt. So habe man es laut Jürgen Baumgartner, Verkaufsleiter bei Iscar Austria, beispielsweise erstmals mit einer Krise zu tun, bei denen Mitarbeiter nicht nur um ihren Arbeitsplatz, sondern auch um ihre Gesundheit, bzw. die ihrer Familie, fürchten. „Eine Pandemie, die global die Gesundheit der Menschen gefährdet, Arbeitsweisen verändert, Nachfragemärkte einbrechen lässt und gleichzeitig sehr schwer unter Kontrolle zu bringen ist, ist eine völlig neue Situation, der man nicht mit Blaupausen begegnen kann. Außerdem ist sehr viel Fingerspitzengefühl gefordert, um einen maximalen Schutz vor
dem Virus bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung eines funktionierenden Wirtschaftssystems zu gewährleisten“, fasst Wolfgang Haumberger, Geschäftsführer der Haumberger Fertigungstechnik GmbH, das Besondere an der Corona-Krise in wenigen Sätzen zusammen.

Einen zweiten Lockdown gelte es, wenn irgendwie möglich, zu vermeiden. Darüber herrscht unter den Umfrageteilnehmern ebenfalls ein breiter Konsens. Im Worst Case wäre man aber mittlerweile besser vorbereitet auf so ein Szenario, wie u. a. Mag. (FH) Mario Haidlmair, Geschäftsführer der Haidlmair GmbH Werkzeugbau, bestätigt: „Weil wir gesehen haben, dass die von uns gesetzten Maßnahmen funktioniert haben. Gerade im Bereich Homeoffice haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht und das lässt uns einer zweiten Welle etwas gelassener entgegenblicken“, sagt er.

Wirtschaftlich betrachtet wäre eine weitere Welle allerdings schwerer zu verkraften, weil viele Unternehmen bereits durch den ersten Lockdown massiv geschwächt wurden. „Beide Krisen kamen wie aus dem Nichts. Corona hat aber auch die Gesellschaft verändert und wird uns noch über Jahre beschäftigen“, prophezeit Andreas Fill zum Abschluss. Dennoch habe diese Krise nicht nur schlechte Seiten. So habe man dadurch auch etwas mehr an „Erdung“ zurückgewonnen, wie der CEO der Fill GmbH es ausdrückt – und man erfreue sich jetzt oft an Dingen, die bis vor Kurzem noch selbstverständlich waren.


Mehr als die Hälfte der Unternehmen, die an unserer Umfrage teilgenommen haben, geht davon aus, dass es wohl länger als bis 2022 dauern werde, bis man keine negativen Nachwehen der Corona-Krise mehr spüre. © MH – stock.adobe.com
Im Vergleich zur allgemeinen Entwicklung in der Maschinenbau-Branche bewältigt Emco die Krise relativ gut. Unsere Struktur als mittelständisches Unternehmen mit einem breiten Produktsortiment, eine solide Eigenkapitalquote und ein klares Eigentümer-Commitment machen das möglich. Dr.-Ing. Stefan Hansch, CEO bei Emco GmbH
Aus der Krise gestärkt herausgehen werden Unternehmen, die es schaffen, sich innerhalb kurzer Zeit an veränderte Bedingungen anzupassen und sich weiterzuentwickeln – sei es hinsichtlich neuer Geschäftszweige oder auch neuer Arbeitsweisen. Wolfgang Haumberger, Geschäftsführer der Haumberger Fertigungstechnik GmbH
Wir rechnen damit, dass wir das Geschäftsjahr 2020/21 auf einem ähnlichen Niveau abschließen können wie in den vergangenen Jahren. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass es im Herbst und/oder Winter keine massive zweite Welle gibt, die diese Prognosen ad absurdum führt. Mag. (FH) Mario Haidlmair, Geschäftsführer der Haidlmair GmbH Werkzeugbau
Man kann davon ausgehen, dass die Corona-Krise viel U-förmiger verlaufen wird als die Finanzkrise in den Jahren 2008/2009, welche rund zwölf Monate lang einen negativen Einfluss auf die Industrie hatte. Diesmal wird es wahrscheinlich weitaus länger dauern. Marc Schuler, Managing Director bei Dixi Polytool
Die Wirtschaftskrise im Jahre 2009 hatte klare und bekannte Wurzeln. Die durch COVID-19 hervorgerufene Krise hingegen ist außergewöhnlich, was uns alle vor neue Herausforderungen stellt. Aber wir sind gut vorbereitet, um in der Pole-Position zu sein, wenn die Wirtschaft wieder anzieht. Ivan Filisetti, Präsident GF Machining Solutions
Branchenübergreifend hatte sich bereits Ende 2019 ein Rückgang abgezeichnet, der durch Corona nochmals drastisch verschärft wurde und sich auch noch eine gewisse Zeit durchzieht. Es bleibt die Sorge, wie es mit den Insolvenzen weitergeht. Markus Horn, Geschäftsführer der Paul Horn GmbH
Die Unsicherheit ist die eigentliche Herausforderung. Niemand weiß genau, wie lange es dauern wird und welche Maßnahmen noch nötig sein werden. Selbst die Gefahr einer zweiten Welle ist bei weitem noch nicht gebannt. Sandro Bottazzo, Geschäftsführer der Fritz Studer AG
Fest steht, dass die Automobilindustrie und Teile der Flugzeugbranche bereits vor der Pandemie Probleme hatten. Alles jetzt auf COVID-19 zu schieben wäre etwas zu einfach. Ich rechne ab 2022 wieder mit einem Aufschwung, aber das ist nur ein Bauchgefühl. Andreas Fill, CEO der Fill GmbH


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